stefan preisig, erinnerungen an das spital

 

das spital und pflegeheim trogen hat mir einige erlebnisse beschert, welche immer noch präsente erinnerungen hinterlassen haben.

meine mutter arbeitete so um die jahre 1966 bis 1968 einige zeit in der spitalküche im keller des gebäudes.

ich bin im juli 1969 im spital trogen zur welt gekommen. da ich angeblich ein schreihals gewesen sei, habe ich die ersten nächte meines lebens in einem behandlungszimmer alleine verbringen müssen.

als ich noch ein kleiner junge so um die vier bis fünf jahre alt war, musste mein grossvater ins spital. ich erinnere mich heute noch, wie mich jeweils bei den besuchen der eingangsbereich des gebäudes faszinierte. es hat richtig nach «spital», dem desinfektionsmittel gerochen. genau kann ich mich an den runden aufkleber (keine stöcklischuhe) an der aus meiner sicht mächtig grossen treppe im eingangsbereich erinnern.

nach kurzem spitalaufenthalt verstarb mein grossvater. an jenem abend durfte ich mit meinen eltern mit, ihn noch ein letztes mal zu sehen. ich habe heute immer noch genau das bild vor augen, als wir den aufbahrungsraum betraten. es war das erste mal, dass ich einen toten gesehen habe.

viele jahre später, so um 1991 war ich einige wochen als monteur im pflegeheim trogen. wir haben im gesamten gebäude, vom keller bis zum estrich in jedem raum sensoren für eine neue brandmeldeanlage installiert. die arbeiten waren schwierig, denn die räume waren hoch, die bausubstanz alt und bröcklig. als junger mann war ich zuerst schockiert und hatte grosse mühe, dort zu arbeiten. ich hatte mich bis anhin nie mit alten und kranken leuten auseinander gesetzt. und dann das. wir arbeiteten in mitten alter, gebrechlicher und dementer menschen. ich war zuerst etwas schockiert. ich sah zum ersten mal alte leute, welche sich kaum mehr bewegten, herum geschrien haben, nichts mehr von der umgebung wahr genommen haben und in ihren betten auf den tod warteten. ich fiel selbst fast in ohnmacht, als zwei pfleger einen gerade verstorbenen aus einem zimmer holten und mit einem weissen tuch bedeckt an mir vorbei schoben. ich habe es als wartezimmer auf den tod empfunden und das alles hat mir viel zu denken gegeben. im nachhinein muss ich feststellen, dass mir dieser kurze einblick in eine für mich bis dahin unbekannte welt gut getan hat. und ich «zog den hut» vor dem personal, welches mit hingabe und geduld alte und hilflose menschen pflegt.

doch irgendwie habe ich mich doch schnell an die situation gewöhnt. ich fragte einen älteren pfleger, wo denn früher das gebärzimmer gewesen sei. nun stand ich also dort, wo ich offensichtlich gut zwanzig jahre zuvor auf die welt gekommen bin und montiere nun da brandmelder. schon ein eigenartiges gefühl. ich glaube, hühnerhaut gehabt zu haben.

wir haben auch installationen im estrich unter dem dachstuhl getätigt. dort waren viele alte utensilien aus der zeit des spitalbetriebes aufbewahrt. haufenweise dokumente, bücher, bilder und pläne, medikamentenkästen, akten, operationsbesteck und diverse medizinische hilfsmittel. mich faszinierten schon damals diese alten sachen, und hätte mir diese gerne näher angesehen. ich würde gerne wissen, was davon bis heute noch übrig geblieben ist, und was damit geschieht.

viele leute, die ich aus meiner kind- und jugendzeit in speicher gekannt habe, sind im verlaufe der jahre im pflegeheim trogen gestorben.

immer, wenn ich auf der strasse trogen – wald vorbei fahre, werfe ich einen blick auf das haus, welches mich doch an einige einprägsame augenblicke erinnert.

der kreis schliesst sich nun sozusagen wieder. nun steht praktisch vor meiner haustüre das neu erbaute alterszentrum hof in speicher, welches die nachfolge des ehrwürdigen gebäudes in trogen darstellt.
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